Johanna Kreid:

"Stillste Nächte im stockdunklen New York"

Es war der Sommer 1995, als sich eine wichtige Frage stellte: Einmal noch mit den Eltern verreisen? Ich war 13 und fühl- te mich dafür eigentlich viel zu erwachsen. Zumal „Urlaub“ mit den Eltern hieß: Früh auf- stehen, viel herumfahren, noch mehr besichtigen. Und wäh- rend sich meine Schulkollegen am Strand in Griechenland sonnten, stapfte ich durch das Schottische Hochmoor. Ich entschied mich dennoch dafür, mitzufahren, denn diesmal hieß das Ziel: Amerika. Die große Überraschung war, dass marathonartige Sightsee

ing-Touren erstmals Spaß machten. Drei Wochen lang er- kundeten wir ganz Manhattan und halb Kalifornien. Und ich war verliebt: in die Wolken- kratzer New Yorks, in die klei- nen Diner am Sunset Boule- vard, ja selbst in die schmuck- losen Motels auf dem Weg nach Irgendwo.

Ich habe Amerika danach lange vermisst und so bald wie mög- lich wieder besucht. Für die überschwängliche Begeiste- rung, für die man leider nur als Jugendlicher Talent hat, reichte es später nicht mehr. Bald sah ich die Schattenseiten des Lan- des, das ich einst so verehrt habe. Ich sah Armut, Obdachlo- sigkeit, Kriminalität. Und ich begriff den Unterschied zu un- serem vergleichsweise komfor- tablen Leben in Europa. Ebenso begegneten mir aber Höflich-

keit, Herzlichkeit und Hilfsbe- reitschaft, und Amerika hat es immer wieder geschafft, mich zu überraschen. Zum Beispiel eines Nachts in Las Vegas. Ich war zu Fuß auf dem Nachhau- seweg von einer Bar zu  mei- nem Motel und hatte mich ver- laufen. In einem Park saß eine Gruppe eher finster aussehen- der Latinos. Schlechter, möchte man meinen, kann es kaum kommen.

Aber ich klaubte meine Spa- nischkenntnisse zusammen, erzählte von meiner Reise durch Mexiko und bat sie, mir den Weg zum Motel zu erklä- ren. Sie erklärten ihn mir nicht nur – sie brachten mich per- sönlich dorthin. Als die Rezep- tionistin uns sah, wollte sie übrigens die Polizei rufen – sie dachte, die Männer hätten mir etwas angetan. Stattdessen

hatten sie mich sicher nach Hause gebracht. Oder damals, im Jahr 2012, in  New York City. Hurrikan Sandy hatte die Ostküste schlimm erwischt und ich sah die Stadt, die an- geblich niemals schläft, genau das tun: nämlich schlafen. Halb Manhattan war ohne Strom. Die kurzen Tage ver- brachten wir damit, offene Ge- schäfte zu suchen und Wasser- flaschen dreißig Blocks weit bis zu unserem Hotelzimmer zu schleppen. Die stillsten Nächte, die erlebte ich im stockdunklen New York.

Amerika hat mich immer wie- der überrascht. Ich hoffe aber, dass es dies am Dienstag nicht schafft – und dass nicht Do- nald Trump dieses Land regie- ren wird.